Gschichtln Dietmar Kieslinger  

Wir gehen alle unsren Weg

Heute gibt es Gedanken zur Endlichkeit und Vergänglichkeit. Anlass? Kein besonderer. Braucht es auch nicht, das Thema ist ja ohnehin immer unter uns.

Jeder von uns, auch die ganz Kleinen, haben schon gelernt, wie es sich anfühlt etwas zu verlieren, das man gern hat. Etwas, das angenehm ist oder eben war. Die meisten unter uns müssen zum Glück etwas älter werden um zu verspüren, wie es sich anfühlt, wenn man nicht etwas sondern jemanden verliert.

Abgesehen vom ganz subjektiven, persönlichen Schmerz – was steckt dahinter, kann man da etwas verstehen oder ist das einfach nur „Gefühlssache“? Meine Sichtweise: Nicht alles ist nur Gefühl, zumindest ein Mechanismus ist relativ einfach zu verstehen und auch zu beeinflussen.

Menschen sind einzigartig. Das träfe aber auch auf viele Dinge des täglichen Lebens zu. Auch die Zwiebel, die ich zu Mittag klein schnippseln werde und die den Grundstock des heutigen Spaghettisugos bilden wird, ist in gewisser Weise einzigartig. Also Einzigartigkeit im Sinne reiner Unterscheidbarkeit reicht nicht aus um unsere Gefühle aufzuregen.

Wie steht es mit dem selbst gebastelten Vatertags- / Muttertags- / Ostergeschenk, das der Nachwuchs aus der Kindergruppe nach Hause gebracht hat? Einzigartig? Ziemlich sicher. Emotionale Bindung? Naja, kann schon sein. Hängt von den Umständen ab. Spannend wird es, wenn das Konstrukt sachlich betrachtet gerade nicht viel hermacht (klapprig bis zerfallend, Farben verwischt, Teile beim Transport abgebrochen, nicht ganz fertig geworden – ihr wisst schon, was ich meine), der Nachwuchs aber viel Energie und Hingebung investiert hat und das künstlerische Produkt auch entsprechend überreicht. Ja, solche Dinge sind irgendwie aufgeladen, da klebt etwas dran, das nicht mit Uhu – sorry, heutzutage wasserbasierter, lösemittelfreier Klebestift – befestigt wurde.

(Ehemaliger?) Andachtswinkel in einem Grazer Hinterhof, 1. Bezirk

Von der unbelebten Natur zur belebten: Tiere in Wald und Garten, unsere Haustiere. Und keine Frage, andere Menschen stehen zweifelsohne an der Spitze der „Gefühlsauslöser“. Ist es vielleicht die Möglichkeit in Wechselwirkung zu treten, die uns bindet? Das selbst gebastelte Geschenk ist als bloßes Ding natürlich zu keinerlei Kommunikation fähig aber es ist vielleicht ein Auslöser für Kommunikation oder eine Art Materie gewordene Aussage. Das in Verbindung Treten funktioniert halt nicht mehr, wenn nicht mehr da. So einfach und traurig – oder doch nicht? Keine Angst, es folgt keine Werbeeinschaltung für Esoterik- oder „Nimm Kontakt mit dem Jenseits auf“-Kurse. Es ist simpler.

Mein Schlüssel: Erinnerung mit Unterstützung. Als Wortschöpfung drängt sich mir Augmented Remembrance auf (in Englisch klingt’s gleich wichtiger). Erinnerungen, die wir an Bord haben (ob sie nun im Kopf oder im Herzen sitzen mag jeder selbst entscheiden) sind so eine Sache. Sie verändern sich mit der Zeit. Werden idealisiert, verblassen, werden selektiv vergessen oder gleich ganz verdreht. Manchmal mag das ein Heilungsprozess sein (ja, Menschen, an die wir uns erinnern, taten nicht nur Gutes…), es kann aber auch unabsichtlich einfach passieren. Und selbst wenn es sich leichter mit einer verdrehten Erinnerung lebt, weil die „echte“ weh tut, bin ich nicht sicher, ob dieser Weichzeichner erlaubt ist. Bei historischen Ereignissen hat sich unsere Gesellschaft darauf geeinigt, dass Vergessen tendenziell eher schlecht ist, weil Wiederholungstaten so wahrscheinlicher werden. Ich hege den Verdacht auch bei sehr persönlichen, privaten Erinnerungen sollte man archivarischen Ehrgeiz walten lassen und sich lieber genau erinnern.

Wie soll diese „Unterstützung“ der eigenen Erinnerung nun funktionieren? So unromantisch es klingt: Technische Hilfsmittel. Das von der Oma in der Kredenz ganz oben rechts aufbewahrte Familienfotoalbum war ein Versuch, der leider an den technischen Rahmenbedingungen gescheitert ist. Junge und alte Köpfe auf Sonntags- bzw. Firmungsanzügen aufgepfropft, alle frisch frisiert und möglichst erhaben dreinblickend – das ist für mich keine Erinnerung, das ist eher skurril. Aber die zugrundeliegende Idee war nicht so blöd. Der Punkt ist nur, die Erinnerungsunterstützung soll den Menschen so zeigen, wie er / sie im realen Leben zu sehen und hören war. Was, je nach verwendetem Medium nicht einfach ist. Fotos machen kann heutzutage jeder. Fotos, die etwas transportieren, die einen Moment oder eine Stimmung einfangen, findet man schon seltener. Noch schlimmer sind Videos. Aber ich will das Thema nicht madig reden. Manchmal reicht’s ja schon, den alten Spruch „weniger ist mehr“ zu beherzigen. Ein netter Schnappschuss ist wertvoller als 72 gestellte Fotos. Und noch wichtiger: Die 72 Fotos wird später niemand mehr ansehen wollen, für den einen Schnappschuss nimmt man sich vielleicht schon die Zeit.

Und es gibt mehr als Bilder. Menschen sind „Augentiere“ aber wir haben auch andere Sinne. Tonaufnahmen. Manchmal ein Nebenprodukt von Clips, sind Tondokumente stark unterbewertet. Vielleicht auch, weil es gar nicht so einfach ist, Ton so selektiv einzufangen, dass beim Zuhören klar ist, worum es ging.

Zuletzt noch meine neueste Entdeckung zum Thema Erinnerungen: Schreibt sie auf! So trivial es klingt, wie oft greift man wirklich zum Stift oder zur Tastatur und beschreibt eine Situation? In der gehobenen Gesellschaft gehörte es Jahrhunderte lang einfach dazu, persönliche Notizen zu führen. Tagebücher, Briefsammlungen. Mag sein, dass das fürchterlich verstaubt klingt. Trotzdem ist das eine Art von Erinnerungsspeicher, die durch keines der modernen Medien vollständig ersetzt wird. Die Technik kann uns beim Schreiben, Konservieren und Wiederfinden des Geschriebenen helfen. Der Text muss aber aus unseren Köpfen kommen. Und gerade deswegen ist ein Text mehr als ein Foto, Video, MRT Scan oder Blutbild. Er stellt unsere Wahrnehmung inklusive der Meinungen und Gefühle zum Zeitpunkt des Schreibens dar. Das Foto konserviert objektive „Wahrheit“ (jaja, liebe Existenzphilosophen, schreit ruhig auf, stört mich nicht), der Text bewahrt subjektive Wahrheit. Und genau die benötigen wir später um die Erinnerung lebendig halten zu können.

Nein, wir können mit manchen Menschen nicht mehr sprechen aber sofern wir eine lebendige Erinnerung an sie bewahren, haben wir ein Gefühl dafür, wie es wohl wäre mit ihnen über eine aktuelles Thema zu reden.

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