Außer Übung

Außer Übung

Die Familie Kieslinger ist gerne unterwegs. Ja, auch Wanderrunden im Wienerwald und Thermenaufenthalte gehören dazu, ich meine aber mehr die großen Reisen, die uns etwas aus der Komfortzone heraus holen. Die Benutzung von Flugzeugen und Leihautos gehört da genauso dazu wie der elegante Umgang mit öffentlichen Verkehrsmitteln in fremden Ländern. Auch wenn es nicht Selbstzweck ist, dieses von-A-nach-B-Kommen ist eine wichtige Fertigkeit, ohne die Individualreisen überraschend schnell an Charme und Erholungswert verlieren. Hier liegt ein Kontaktpunkt zu unserer Lieblingspandemie: Reisen macht viel weniger Spass, wenn einem geänderte Quarantänevorschriften ohne irgendwelche Vorwarnung einen Strich durch die Rechnung machen können. Die letzten beiden Jahre waren wir daher untypisch sesshaft und haben – in Analogie zu Balkonien – Gardanien durchstreift. Die fehlende Langstreckenmobilität hatte jedoch Auswirkungen darauf, wie geübt wir sind. So, jetzt sind wir beim eigentlichen Thema des Artikels angelangt.

Das Ziel unserer Begierde zum Wiedereinstieg ins Herumreisen war Paris. Zum Aufwärmen quasi. Paris ist ja nicht gerade ein exotischer Ort, der in die Kategorie “Abenteuer” oder “Fernreise” fällt. Wobei die Entfernung weniger durch “CO2-Scham” (das ist der nächste evolutionäre Zustand nach “Flugscham”) denn durch Anzahl der verfügbaren Urlaubstage diktiert war. Es trennt uns kein Ozean von Paris aber doch ausreichend viel Land, dass Flugzeuge deutlich schneller dort sind als Eisenbahnen. (In der schnellsten Verbindung elfeinhalb Stunden gegen ca. fünf wenn man alle Wartezeiten am Flughafen großzügig mitrechnet.) Also fliegen.

Die erste grundlegende Frage, die es zu meistern gilt, ist: Carry-on only oder Eincheck-Gepäck? Dynamische Städte-Vielflieger wissen: Nur Looser stehen am Gepäckabholband und warten auf das eigene Köfferchen. Profis kennen die maximalen Handgepäckabmessungen (und Gewichte) auf den Zentimeter genau (je nach Fluglinie versteht sich), kaufen Hygieneflüssigkeiten seit Jahren nur mehr in <100ml Containern und verpacken diese reflexhaft in Plastiktütchen. Objekte wie Taschenmesser oder Feuerzeuge (damit kann man übrigens auch Campingkocher und Lagerfeuer anzünden, nicht nur Zigaretten) erscheinen dem modernen Städtetouristen wie Gegenstände aus dem Mittelalter oder einer fernen Kultur, in der man Salami noch selbst in Scheiben schneiden musste.

Wir entschieden uns für ein Stück Check-In. Man will sich ja nicht gleich vorab jede Möglichkeit nehmen, ein Fläschchen Wein aus Frankreich mit heim nehmen zu können. Die Flasche Wein könnte man natürlich auch kurz vor dem Heimflung im “tax-free” Shop am Abfluggate kaufen und dann ganz offiziell in die Kabine mitnehmen. Das hat aber in etwa gleich viel Charme und Sinn wie eine äquivalente Flasche daheim im Supermarkt ums Eck anzuschaffen. Und ein Familienmitglied konnte so “Taschenmesser” auf die Packliste schreiben – und wenn auch nur aus Nostalgie.

Gerade dieses Item auf der Packliste ließ aber einen Wermutstropfen aus dem heiteren Kurzurlaubshimmel fallen: Das in Korsika erworbene Lieblingstaschenmesser war unauffindbar. Auch eine hartnäckige Suche in Rucksäcken, Autos und Bastelecken ergab keinen Treffer. Schade und irgendwie selbstbezüglich – der Verlust eines Mitbringsels vor einer anderen Reise fällt erst bei der nächsten Reise auf. Aber was soll’s, es gibt ja mehr als ein Taschenmesser im Haushalt. (Die Frage, warum die Abwesenheit des Lieblingstaschenmessers erst jetzt auffällt, lassen wir vorerst unbeantwortet.)

Auch wenn wir uns zum Check-In Gepäck durchgerungen haben – uns ist klar, dass es eine Abstufung zwischen einer dreiwöchigen Afrikareise und vier Tagen in Paris geben muss. Wir nehmen also nicht den großen Koffer (so viel Wein soll es doch nicht werden) sondern den schicken kleinen gelben. Das tut jetzt noch nichts zur Sache, wird aber gegen Ende eine Rolle spielen…

Da wir uns bezüglich Flug ohnehin schon als absolute Klimasünder geoutet haben, verzichten wir auch für die Anreise zum Flughafen auf die Schiene und fahren ohne Fahrplancheck und Spar-Kombi-Umweltticket mit dem eigenen Auto hin. Wohl wissend der absichtlich schwierig gestalteten Parkplatzsituation am Flughafen buchen wir unsere sechs Quadratmeter am Parkplatz C vor. Wie gesagt, wir sind ja Profis beim Selberreisen. Interessanter weise hat der Begriff “Buchung” im Flughafenuniversum eine etwas andere Bedeutung als in der restlichen Welt. Nein, Buchen (und Bezahlen!) sichert einem nicht das Recht auf eine gewisse Leistung zu, sondern offenbar nur das Recht auf “irgendwie werden wir uns schon darum kümmern”. Vor der Einfahrt zu Parkplatz C stand nämlich ein warnbewesteter Flughafenangestellter, der uns mitteilte, dass der Parkplatz voll ist, wir zum Parkhaus 4 fahren sollen und dort an der Schranke mittels Gegensprechanlage der Stimme hinter der Gegensprechanlage erklären sollen, dass unsere Partplatz-C-Reservierung auf eine Parkhaus-4-Reservierung umgeschrieben werden soll. Natürlich gleichpreisig, wird stolz hinzugefügt.

Das hätte vielleicht ganz gut funktioniert, wären vor uns nicht schon andere KFZ-Anreiser ebenso umgeleitet worden – nur dass diese Anreiser dem Deutschen weniger gut mächtig waren und die Stimme hinter der Gegensprechanlage sie einfach vor der geschlossenen Schranke “verhungern” ließ. Also Stau bei der Einfahrt. Selbst mit muttersprachlichem Deutsch war die Stimme hinter der Gegensprechanlage eine harte Nuss. Nach mehrfachem Verlesen von irgendwelchen Buchungsnummern öffnete sich dann der Sesam. Haben wir sofort begonnen wütende Kommentare auf diversen Foren und Ratingagenturen abzusetzen? Nein. Wenn man die gewünschte Leistung nämlich als “Abstellfläche und eine gewisse Gehzeit zum Checkin” definiert, hat alles (fast) gepasst. Das Parkhaus 4 steht ja näher am Flughafen, daher weniger Gehzeit, Auto sogar unter Dach. Also eh alles paletti. “Wäre euch nicht passiert, wenn ihr die S-Bahn genommen hättet!” höre ich. Stimmt in diesem Fall. Aber wartet ab, wir sind ja noch nicht mal abgeflogen.

Das Do it yourself Ausdrucken, Bezetteln und Abgeben des Koffern haben wir mit einer Eins mit Sternchen gemeistert. Doch Profis. Bordkarten in der App am Handy griffbereit – yes! Also geht doch, nix verlernt. Die Schlange beim Security Check ist überschaubar. Alles raus aus den Taschen, ja auch der Gürtel mit der Todesschnalle. Die große Kamera auf ein extra Tablett, damit sich die hochgeschulte Sicherheitsperson oder der KI-Algorithmus nicht überfordert fühlen.

Die Weiche nach der Röntgenbox schiebt meine Kameratasche trotzdem auf das Abstellgleis. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagt, dass genug Zeit für eine entspannende Diskussion mit den Sicherheitskräften über irgendeinen Teil meiner Fotoausrüstung bleibt. Man muss solche Gespräche immer positiv angehen, das erleichtert die Kommunikation und verbessert das Ergebnis. Es wird in den Außentaschen herumgefingert. Was der Sicherheitsbeamte dann zum Vorschein bringt, erzeugt zwiespältige Gefühle in mir. Einerseits Wiedersehensfreude, andererseits “das hätte aber nicht hier sein müssen…”. Mit einem fragenden Blick hält er mein korsisches Messer in der Hand. Ein wirklich schönes Stück mit massiver Klinge, einem robusten aber doch präzise gearbeitetem Gelenk und einem leicht bauchigen Holzgriff, der gut in der Hand liegt. Wie gesagt, ein schönes Stück. Direkt am Security Checkpoint eines Flughafens ergibt sich aber ein durchwegs unerwünschter Kontrast zum restlichen Umfeld, in dem selbst Trinkwasserflaschen als potentiell terroristische Artikel eingestuft werden. In einem Flashback fällt mir auch wieder ein, dass ich das Messer in dem einem für alles andere zu schmalen Außenfach der Kameratasche postiert habe. Damit es immer dabei ist, was ich in gewisser Weise ja auch erreicht habe…

Von einer vollen Runde zum Auto wollten die Sicherheitskräfte nichts wissen, obwohl der Abflug noch weit genug in der Zukunft lag. Diese Haltung ist vielleicht dadurch zu erklären, dass der Flughafen Wien ein Aufbewahrungsservice für derart unakzeptable Gegenstände anbietet. Man wirft €15 ein, das Objekt wird in einem Plastiktütchen eingeschweißt (die Flughafensecurity scheint eine besondere Beziehung zu Plastiktütchen zu haben) und man darf es bei Rückkehr am Infoschalter abholen. Während ich die Aufbewahrungsgebühr bezahle, schleicht ein Gedanke durch meinen Hinterkopf: Würde dieses Verfahren auch anwendbar sein, wenn ich ein kleines Beil in meinem Rucksack vergessen habe? Oder eine Beretta 92? Oder einen Dolch aus Bambusholz? Aber den hätten sie im X-Ray wohl gar nicht erkannt… Ein “Bitte Karte entnehmen” am Bezahlterminal unterbricht meine philosophischen Betrachtungen.

Der Flug verläuft ereignis- und snacklos. Vor einiger Zeit habe ich bemerkt, dass man auf Fensterplätzen oft genug GPS-Empfang hat, um die Flugroute live mitverfolgen zu können. Da rein passiv auch mit einem Handy im Flugmodus möglich. Wenn man vorher offline-Karten aufsaugt mitunter sogar interessant. Außerdem weiß man sofort, an welchem Gate man andockt. Würde mich echt interessieren, wer bei Open Street Map die Taxiways und Gatenummern von Flughäfen einträgt. Als normaler Hobby-Geodät düfte es zu Komplikation führen, wenn man mit dem Argument “In der OSM Karte ist dieser Taxiway falsch eingezeichnet!” am Vorfeld herumhirscht. Vielleicht ambitionierte Piloten, die Flugkarten abzeichnen? Sicher eine Verletzung des Copyrights.

Am Gepäckband zeigt sich, dass es auch besser als befürchtet ablaufen kann: Unser gelber Koffer landet als erster (!) am Band und wir stürmen voll des Eifers Richtung Ausgang. Sortie, excusez-moi. Als moderner Reisender fragt man mal Google Maps, wie es weiter gehen soll. Die Antwort ist irgendeine Buslinie, die sich vom CDG ins Stadtinnere schlängelt. Das kann es wohl nicht sein. Maps ist doch eher ein Werkzeug für Autofahrer, scheint es. Das Schnellbahnnetz ist schnell durchblickt, RER B als die richtige Linie identifiziert, Tickets gekauft und der Bahnsteig lokalisiert. Sich verdächtig verdichtende Menschentrauben lassen eine Vorahnung auf etwas außer der Norm Liegendes aufsteigen. Viele freundliche Mitarbeiter erklären auf französisch, dass da gerade gar nichts geht. Soviel zum Thema Öffis sind zuverlässiger als ein Auto. Ob Unfall, Bauarbeiten oder etwas Schlimmeres bleibt ungeklärt, ein mit offenen Türen in der Station stehender Zug lässt vermuten, dass das Problem erst kürzlich aufgetreten ist. Da Mutmaßungen uns aber nicht zum Hotel bringen, ist ein Plan B gefragt. Multilinguale Mundpropaganda spricht von Bussen, die Richtung Zentrum fahren. Taxis sind nur etwas für Anfänger und Warmduscher, daher versuchen wir dem allgemeinen Menschenstrom zu folgen. Das Problem dabei ist, dass es am Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle mehr als nur einen Menschenstrom gibt. Keine drei Rolltreppen vom RER B Bahnsteig entfernt, lässt sich keine klare Richtung mehr ausmachen, die Bewegungsmuster entsprechen eher einem Ameisenhaufen zu Mittag. Also bleibt uns nichts anderes übrig als selbst die Schilder zu lesen. Nach einem Schienenersatzverkehr sieht nichts aus, der Busbahnhof ist aber zu finden. Nun, ich mach es kurz: Wir fuhren mit irgendeiner Buslinie mehr als eine Stunde nach Paris und lernten dabei den Cargo-Bereich des CDG, Autobahnauf- und Abfahrten sowie diverse Vororte kennen. Ich denke es war die Linie, die Google Maps mir anfangs vorgeschlagen hat. Aber es gibt einen ersten Pluspunkt für die Pariser: Der Busfahrer hat sich trotz Sprachbarriere die Mühe gemacht uns darauf hinzuweisen, dass es eine zeitlang dauern wird, bis wir in Paris sind. Lieb.

Den eigentlichen Urlaub will ich aussparen, der Blog soll ja kein facebookartiges Urlaubsprotokoll werden. OK, ein Foto gibt’s:

Haben sie Paris schon bei Nacht gesehen?

Wo sind wir stehen geblieben? Achja, der Transportaspekt des Reisens. Die Heimreise kommt erbarmungslos. Unser Rückflug startet erst ganz gemütlich am Nachmittag und anstatt einfach nur so herum zu sitzen

haben wie die letzten Stunden in Paris bei wunderbarem Wetter genossen. Irgendwann muss man sich aber doch der Realität stellen. Also runter in die Metro, ganz Profis wie wir schon mal sind das richtige Zonenticket gekauft, rein in U-Bahn und auf zur angeblich größten U-Bahnstation der Welt – Châtelet-Les Halles. Im U-Bahnzug fallen uns Ankündigungen für Bauarbeiten auf. Normalerweise ignoriert man das, weil es ohnehin immer nur andere betrifft. Die störende Platzierung direkt vor der Nase führt aber dazu, dass die Information trotzdem langsam einsickert. RER B. Ja, da wollen wir hin. 17. und 18.4. Aha, das ist doch das Osterwochenende. Eigentlich keine schlechte Wahl für gröbere Bauarbeiten. Nur dass wir gerade im Osterurlaub sind, passt unerfreulich genau dazu. Menschen sind herrlich irrational und versuchen unangenehme Information gerne dadurch aus der Welt zu bekommen, indem man sich hartnäckig nicht darum schert. Wir machen keine Ausnahme und laufen daher zum Bahnsteig, an dem der RER B abfahren sollte. Was er natürlich nicht tut oder zumindest heute nicht. Die Betreiber sind aber bestens auf derartiges Verhalten vorbereitet. Wieder freundliche Mitarbeiter, die diesmal – man glaubt es nicht – auf Wunsch auch auf Englisch erklären, man möge bitte mit einer anderen S-Bahn zum Stadion fahren und dort dann mit dem Bus bis zum Flughafen.

Das ist eigentlich eine klare und einfach zu befolgende Anweisung. Ein Blick auf die Uhr zusammen mit der Erinnerung an die Busfahrt in die Gegenrichtung führen aber zu Unruhe: Der Spaziergang hat doch etwas länger gedauert und über einen Boutiquebesuch wollen wir lieber schweigen. Kurzum, wir sind nicht gerade zu früh dran. Mit dem RER B kein Problem, Stadion und Sightseeingtour Tour durch die Vororte könnten jedoch eine zeitliche Herausforderung werden. In solchen Situationen hilft nur beherztes Zupacken, was allerdings schwierig umzusetzen ist, wenn man auf die nächste S-Bahn wartet und dann Richtung Osten aus Paris hinaus schaukelt. Wir können unserem Tatendrang beim Umsteigen in den Bus freien Lauf lassen. Zu unserer Verwunderung ist der Weg zum Transferbus erstklassig ausgeschildert, mit farbkodierten Linien am Boden und mehrsprachigen Schildern. Wir nutzen diese infrastrukturellen Möglichkeiten optimal aus und sitzen deswegen schon im ersten Bus bis der große Pulk aus dem Zug erst um die Ecke biegt. Mit Erleichterung stellen wir fest, dass es sich nicht um die bekannte Vorortlinie sondern wirklich einen direkten Transfer zum CDG handelt.

Die familiäre Alarmstufe wird daher auf “geht sich schon aus” herunter gesetzt. Der Busfahrer scheint jedoch nebenbei Pilot zu sein – anstatt einfach nur zum Terminal 2 zu fahren, zieht er eine Schleife, die man im Jargon als “Downwind Leg” bezeichnen würde und lässt uns schlussendlich genau am falschen Ende des Terminals frei. Nicht hilfreich, weil mehr als einen Kilometer von unseren Check-In entfernt. Ja, der Terminal 2 inklusive 2a ist 1,8 km lang, könnt ihr gerne auf Google Maps nachmessen.

Erinnerungen an den International Airport Tokyo Narita werden in mir wach. Andere Geschichte. Wir kommen leicht außer Atem (natürlich mit FFP2 im Laufschritt unterwegs) unserem Gate näher. Schieben wir es mal auf das Adrenalin und den Sauerstoffmangel – wir stellen uns beim Security Check in die Schlange und freuen uns, dass wir es praktisch geschafft haben. Naja, wäre da nicht diese böse Weiche nach der X-Ray-Kiste. Ihr ahnt es schon. Ich sage nur: Taschenmesser. Nein, nicht korsisch, sondern das ganz normale, das beim Hinflug gemütlich im Check-In Gepäck geflogen ist. Unser fescher, kleiner gelber Koffer hat nämlich gerade noch Handgepäckmaße und wurde daher ohne Böses zu vermuten durch den Scanner für das Handgepäck geschoben. Eine Shampooflasche und andere ähnlich gefährlichen Dinge runden das Bild der Terroristenfamilie vollends ab. Wir werden jedoch nicht verhaftet sondern nur aus dem sicheren Bereich verbannt. Zurück an den Start sozusagen.

Es folgt der nächste Sprint zum eigentlichen Check-In Bereich. Den Koffer abgeben (“Please proceed directly to the gate!”), wieder in die Warteschlange vor dem Security Check. Diesmal das echte Handgepäck durch den Scanner. Wir trauen unseren Augen nicht als die Weiche diesmal den Rucksack unserer Tochter aussortiert. What the f***? Vor 15 Minuten ist der Rucksack noch clean gewesen! Hat uns jemand eine Handgranate zugesteckt? Eine behandschuhte Mitarbeiterin zieht ein wohl bekanntes Federpenal aus dem Rucksack. Puh, Glück gehabt. Da kann ja wohl nichts wirklich Gefährliches drinnen sein. Es wird geöffnet, sie gräbt sich bis zum Boden durch – und zieht einen Zirkel hervor. Wirklich und wahrhaftig, ein metallenes Objekt mit einer Spitze am Ende! Wir sind schon ziemlich mürbe. Die Frage, warum unsere Tochter eine Zirkel nach Paris mitnimmt ist nicht hilfreich, wenn auch einfach zu beantworten. (Sie hat sich nicht die Mühe gemacht, nur das einzupacken, was sie wirklich braucht.)

Ich nehme an wir machen inzwischen einen ehrlich derangierten Eindruck. Zu unsere Verwunderung findet die Mitarbeiterin wenig Genugtuung darin, einem Mädchen den Zirkel wegzunehmen. Sie legt den corpus delicti einfach nur auf den Rucksack, sagt “OK.”, dreht sich um und geht. Nach einer inversen Schrecksekunde stopfen wir das Zeug zurück in den Rucksack und sind schon wieder im Laufschritt unterwegs Richtung Gate. Im Laufen zücke ich mein Telefon um sicherzustellen, dass wir wohl zum richtigen Gate stürmen. Ihr Flug verspätet sich voraussichtlich um 30 Minuten.

Ende gut alles gut, denken wir uns. Die schweißnasse Stirn trocknet beim Warten am Gate und das langsam abnehmende Adrenalin hinterlässt eine wohlige Tiefenentspannung. Uns kann jetzt nichts mehr aus dem Gleichgewicht bringen. Selbst die “Euch Holzklassefliegern schenken wir nicht mal 5 Solettis!”-Einstellung der Fluglinie ist uns herzlich egal. Die Mitbringsel aus der Pâtisserie in der Rue du Louvre schmecken ohnehin besser. Die Crew hat unsere Einstellung wohl gespürt und bietet beim Aussteigen nicht mal die sonst obligatorischen Schokoknöpfe an. Diese stoische Einstellung kommt vor dem Gepäckband Nummer 5 in Wien Schwechat wieder ins Wanken. Wir kennen alle das nette Bibelzitat mit den Ersten und den Letzten. Das ist anfangs noch lustig, als aber der offenbar letzte Koffer, der auf besagtes Band kullert, auch nicht unsere Zitrone ist, lässt der Humor nach. Tja, Check in late and you won’t get the freight! wie wir hartgesottene Flugreisende so schön zu sagen pflegen. Also auf zum Lost Luggage Counter.

Dass sich unser Koffer eine Nacht mehr in Paris geleistet hat als wir, nehmen wir ihm nicht krumm. Auch Koffer haben manchmal Wünsche und Träume, warum sollen sie sie nicht ausleben. Mein korsisches Taschenmesser hat wirklich bei der Flughafen-Info auf mich gewartet und unser Auto hat 4 Tage Parkhaus 4 zum Tarif von Parkplatz C genossen. Jedem das Seine.

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