Gedichte sind blöd

Gedichte sind blöd

Um den reißerischen Titel gleich wieder etwas zu entschärfen vorweg eine Klarstellung: Ich maße mir keine Äußerungen über die Produzenten besagter Gedichte an. Also die Dichter, wie es klassisch so schön heißt. Menschen mögen von den unterschiedlichsten Motivationen getrieben werden, sie durchleben herausfordernde oder geradewegs schwierige Zeiten. Dann kommen halt auch Gedichte dabei raus. Ist also niemandes Schuld.

Aber blöd sind sie doch. Die Gedichte. Ich könnte das jetzt so stehen lassen, als Zeichen meines Rechts auf freie Meinungsäußerung. Dann würde ich aber in eine ähnliche Richtung rutschen wie ich es der versmaßgebundenen Literaturform vorhalte. Ich meine eine gewisse Halbfertigkeit. Lasst mich etwas ausholen mit der Erklärung.

Ich gehe davon aus, dass Geschriebenes keinen reinen Selbstzweck darstellt. Vereinfacht ausgedrückt: Man schreibt etwas, damit es auch gelesen wird. Oder, weniger vereinfachend, damit es beim Empfänger, dem Leser, etwas auslöst. Ich gehe also so weit, dass ich behaupte Geschriebenes will auch verstanden werden. Sonst ist es nur eine mit Glyphen bedeckte Oberfläche und keine Form von Literatur. Auch solche Konstrukte (mit nicht vorhandener oder unzugänglicher Bedeutung) üben einen gewissen Reiz und damit Wirkung aus, das steht außer Zweifel. Seht euch das Voynich-Manuskript an oder die Indus-Schrift (drei Täfelchen mit diesen vermutlichen Schriftzeichen seht ihr im Titelbild) – man spürt geradezu, dass da etwas drinnen steckt, es kribbelt. Aber es kommt eben nicht hervor und die schlussendliche Wirkung hält sich daher auch in Grenzen. Der Diskos von Phaistos hat weder Revolutionen ausgelöst noch Erleuchtung gebracht. Bleibt immer noch die Option, dass derartige Artefakte auch zur Zeit ihrer Schöpfung wenig weitreichende Bedeutung trugen, aber das wollen wir mal ausklammern.

Ohne irgendwelche akademische Bildung in diesem Bereich zu besitzen postuliere ich eine Art Hierarchie des Verstehens im Bereich des Geschriebenen.

  • Schriftzeichen, Glyphen, Grapheme – das Gekritzel an sich halt
  • Sprache (mit allem, was dazu gehört), die in einem oder mehreren Zeichensystemen notiert werden kann
  • Sprachkonstrukte – Sätze, Satzfragmente – die über die Bedeutung eines einzelnen Worts oder Begriffs hinausgehen
  • Literatur – Werke, die alles weiter oben genannte nutzen, um etwas zu bewirken

Ist vielleicht etwas kryptisch, was ich meine, daher ein paar unzusammenhängende Beispiele:

  • י (das ist ein hebräisches Jod und echt schwierig zu editieren, weil es linksläufigen Textfluss verwendet, was die meisten Editoren ziemlich aus der Fassung bringt, zumindest im recht- und linksläufigen Mischbetrieb)
  • isiZulu (die Sprache der Zulu; das Beispiel ist aber fragwürdig, weil isiZulu in seinen Ursprüngen keine Schriftform aufweist)
  • The quick brown fox jumps over the lazy dog. Syntaktisch und grammatisch korrekt (wenn man Englisch zugrunde legt), die Semantik lässt aber a bisserl zu wünschen übrig. Oder anders gesagt: Bringt einen nicht wirklich weiter im Leben.

schtzngrmm
schtzngrmm
t-t-t-t
t-t-t-t
grrrmmmmm
t-t-t-t
s———c———h
tzngrmm

Nein, kein Bug in WordPress, sondern Ernst Jandl. Ihr meint das ist zu extrem? OK, noch ein Versuch für den vierten Punkt eine Beispiel zu finden.

Atreus Söhn und ihr andern, ihr hellumschienten Achaier,
Euch verleihn die Götter, olympischer Höhen Bewohner,
Priamos’ Stadt zu vertilgen und wohl nach Hause zu kehren;
Doch mir gebt die Tochter zurück und empfahet die Lösung,
Ehrfurchtsvoll vor Zeus’ ferntreffendem Sohn Apollon.

Ilias, 1. Gesang, 17ff, in der Übersetzung von Johann Voß

Ein rezykliertes Zitat, ich gebe es zu. Na gut, ein letztes Mal versuche wir es noch.

Am anderen Ende des Raums steckte ihr Mann den Kopf noch tiefer in seine Zeitschrift, um nicht laut loszukichern. Gravid! Wer nannte sein Kind Gravid? Niemand, der schon mal Drachen oder Fische gezüchtet hatte, so viel war sicher. Es gab natürlich so etwas wie Wörterbücher, aber der alte Lord Rust war noch nie einer von der Sorte gewesen, die freiwillig ein Buch aufschlägt.

Steife Prise (Originaltitel Snuff) von Terry Pratchett, Deutsche Übersetzung von Gerald Jung

Hä? Keine Weltliteratur, sondern simple, leichte Kost. Trotzdem hat man nach dem Konsum von vier Zeilen bereits konkrete Bilder im Kopf. Nichts Fertiges, klar. Aber zumindest grob verorten kann man sich. Und entscheiden, ob man die nächsten 100 oder 200 Seiten auch noch zu sich nehmen will oder lieber doch nicht. Ihr meint das ist ein ungerechter Vergleich? Den grauhaarigen Homer über die Jahrtausende herüber zerren? Oder den Jandl hinterfotzig aus dem Schützengraben zu locken um ihn neben einen größtenteils harmlosen Fantasy-Autor zu stellen?

Ich behaupte, der Vergleich ist fair, da es mir nicht um die Inhalte sondern um die Form der Präsentation geht. Homer hätte einfach erzählen können, dass es überhaupt nicht geht eine Helena zu rauben, besonders eine schöne. Da muss etwas geschehen und die sich daraus entwickelnde, handlungsstarke Geschichte hätte auch im 21. Jahrhundert Bestand – könnte man sie lesen. In Übersetzung lesen. Also lesen und gleichlaufend verstehen, ohne zwischengeschalteten Hexameter-Decoder. Ähnlich Jandl. Sein Thema ist groß, schrecklich groß. Vielleicht das überwältigendste Thema der Menschheit. Ja, hämmere es den Lesern ins Gehirn, welche sinnlose Zerstörung, welches unvorstellbare Leid der Krieg den Menschen bringt. Aber vielleicht doch mit einer Sprache, die man versteht?

Ich sehe schon die Kritik an meiner Argumentation aufziehen. Erst die Freiheit der poetischen Form gibt dem Geist des Lesers die Möglichkeit sich zu entfalten und das Unaussprechliche zu erkennen. Und so weiter. Ja, kann man so sehen. Ich halte mit einer Anekdote dagegen: Eine Schulklasse, Realgymnasium, Österreich, Mitte der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts des letzten Jahrtausends. Mehr als zwanzig mehr oder weniger interessierte Jugendliche sitzen in einer Deutschstunde und werden angewiesen Seite sowieso im Lesebuch aufzuschlagen und das dort Wiedergegebene zu lesen. Ihr erratet es vielleicht schon, besagte Seite enthält oben zitiertes schtzgrmm. Nach einigen Minuten des Schweigens (der Lehrer war OK und die meisten Schüler gaben sich redlich Mühe zumindest nicht zu auffällig zu stören) dann die Frage: Was meint ihr, worum geht es da? Weiter Schweigen, jedoch mit einer etwas nervöseren Qualität. Was will er? Sollen wir die Wörter zählen? Ist das eine Caesar-Verschlüsselung wie bei den Detektivgeschichten? Nimmt er uns nur auf den Arm? Keiner der Schüler und Innen hatte die Idee es handle sich um lautmalerisches Kriegsgetümmel. Verwunderlich? Nein, eigentlich nicht. Keines dieser Kinder hatte je ein Maschinengewehr in Realitas gehört. Zum Glück. Ihre Väter und Mütter vielleicht schon, sie aber nicht. Sie war in Friedenszeiten aufgewachsen. Diese zwei Dutzend hat Jandl mit seinen Salven – trrrrrrt-trrt-trrrrrrrrrrt – definitiv verfehlt. Dasselbe Geschehen in verständlichen Worten beschrieben, hätte bei einigen vielleicht tiefe Ergriffenheit ausgelöst. Frei erfunden? Nein, ich saß in dieser Klasse und habe auch nicht überrissen, worum es geht.

Dem Leser eine gewisse Freiheit zu lassen ist etwas anderes als ihm kaum Verständliches, Widersprüchliches, grammatikalisch bis an die Grenzen (oder in klein wenig weiter) Verdrehtes vorzusetzen. So nach dem Motto “Der Sinn entsteht erst im Kopf des Lesers”. Die Herangehensweise erinnert mich etwas an Software, die abfällig Bananenprodukt genannt wird: Sie reift beim Nutzer in schier endlosen Bugreport-Patch-Schleifen. Ausreichend poetisiert reift der Sinn auch erst beim Leser, leider ohne der Option des Bugreports.

Lyrik ist die wortgewordene Angst konkret Position zu beziehen und klar zu sagen, was man denkt, fühlt oder sich ersehnt.

(c) Image-Bild: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic, basierend auf https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Indus_script.jpg

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