Teetassen sind nicht was sie scheinen

Teetassen sind nicht was sie scheinen

Während das Sonntagsfrühstück so seinen Lauf nimmt, macht der Tisch meist einen recht ruhigen Eindruck. Die Brösel werden mehr, die Teller leerer und der eine oder andere Marmeladefleck bezieht Stellung zwischen Butterdose und Honigglas. Eine Idylle – könnte man meinen. Doch horcht mal genau hin. Dreht der Radiobeschallung den Hahn zu. Da spielt sich mehr ab als auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Seht ihr die Teekanne im Hintergrund? Sie ist sich ihrer Bedeutung schon sehr sicher. Sie weiß, sie hat die Kontrolle über die Assam-Versorgung des gesamten Tisches. Alle Teetassen hängen vor ihrem Wohlwollen ab. Schon in frühlingshaftem grün-weiß gekleidet thront sie selbstzufrieden auf ihrem Untersetzer. Dass ihr Mäntelchen angekleckert ist, beirrt sie nicht. Wer so wichtig ist, kann sich Teeflecken leisten. Manche Tassen bewundern sie sogar dafür, die Flecken zeigten nur wie sehr sie mit dem Tee verbunden ist und wie lange sie schon Dienst tut. Naja, einfache Teetassen bemerken scheinbar nicht, dass sie ihr Mäntelchen sehr wohl wechselt.

Was fällt sonst auf? Was ist mit dem schlanken, hoch gewachsenen Thermos ganz links? Ja, er steht verdächtig knapp am Rand. Sicher, sein rutschfester Boden verleiht im Standfestigkeit. Trotzdem, er gehört nicht dazu zur Clique. Unsere Ohren haben sich inzwischen an die Stille gewöhnt und wir nehmen das leise Steingutkrächzen wahr:

Häferl: Na, hast dich wieder vollgesogen mit heißem Tee? Kannst wieder nicht genug kriegen! Die Langen wissen nie wann genug ist!
Thermos: Mach mal halblang, du Ikea-Tasse. Achja, bist ja auch nur halb lang. (Blubberndes Kichern)
Häferl: 300ml, vielleicht sogar 330! Was hast du der Kanne alles versprochen, dass du so viel frischen Tee bekommst? 
Thermos: Pass auf, dass dir der Henkel nicht abbricht vor lauter Aufplustern. Auch wenn du's nicht verstehen kannst - ich bewahre die Wärme. Bei mir hilft es heißen Tee einzufüllen. Im Gegensatz zu euch oben offenen Kollegen.  
Häferl: Ich bin mir ziemlich sicher, dass du derjenige bist, der nicht versteht. Oben offen sein ist wichtig, wie sollen die Menschen sonst das Aroma des Tees wahrnehmen. So zugedreht wie du bist, kommt ja gar nichts mehr raus. Verschwindest nach dem Frühstück irgendwo hin. Wir wollen gar nicht wissen, was du mit dem Tee machst. Freak. 
Durchscheinendes Porzellangeklirre mischt sich ein...
Tasse: Wie haben ihn beobachtet. Er treibt sich im Wohnzimmer herum. Und steigt in Taschen! Wir haben ihn sogar mal beobachtet, wie er in einem Rucksack verschwunden ist.
Häferl: Da haben wir's. Er geht nach draußen. Damit ist alles gesagt. 
Thermos: Was habt ihr zerbrechliche Gesellen? 
Tasse: Gesellinnen! 
Häferl: Du nimmst uns den Tee weg. Die Kanne ist schon mal nur so groß. Wenn sich jedes alte Marmeladeglas im Haus so verhalten würde - undenkbar. 
Thermos: Ja, eh. Aber ich bin kein Marmeladeglas.
Häferl: Und das gibt dir das Recht dich füllen zu lassen?
Tasse: Rücksichtslose Blechdose. Unglaublich, was heutzutage so auf den Tisch darf. 

Ja, die Teetassen sind nicht so freundlich wie man das landläufig annimmt.

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