Fragment 2

Fragment 2

Bevor wir uns wieder in die Prosa stürzen, ein paar erklärende Worte zur Entstehung; über’s Warum und Wozu, sozusagen.
Kürzlich bei einem Gespräch mit einer Kollegin in der Firma wurde scherzhaft das Bild eines U-Boots benutzt, das kurz auftaucht, Feuer fängt und dann wieder in den Fluten verschwindet. Meine blühende Phantasie hat das sofort aufgesogen, wie der sprichwörtliche Schwamm das Badewasser (oder was Schwämme sonst so aufsaugen). Es hat dann über Nacht zu gären begonnen (die Analogie mit den Schwamm hält immer noch, jetzt aber eher mit einem Abwaschschwamm in der Küche) und gestern zu einem kurzen Schreibanfall geführt. Soviel zum Warum.
Das Wozu lässt sich nicht so leicht greifen. Habe ich vor einen Roman zu schreiben? Ja, an sich schon, nur dessen Handlung steht schon grob fest und da gehören solche U-Boote eher nicht dazu. Will ich den Blog für eine Fortsetzungsgeschichte nutzen? Nein, käme mir extrem verstaubt vor. Der Fortsetzungsroman in der Illustrierten – das ist doch schon vor 40 Jahren ausgestorben, oder? Die plausibelste Erklärung ist wohl, ich wollte meinen Kopf wieder frei bekommen. Geschichte geschrieben, Szene abgearbeitet, fertig. Ich kann die Schwammanalogie nochmals bemühen: Den Schwamm gut ausdrücken, dann gärt es nicht. Ja, nette Idee, nur leider falsch gedacht. Die Beschäftigung mit dem Stoff beim Schreiben des ersten Fragments hat erst recht dazu geführt, dass sich die Geschichte festsetzt und ausweitet. Fragen nach der Plausibilität, Kausalität, Erklärbarkeit. Ideen, was davor, danach und daneben sein könnte.
Tja, und jetzt sitze ich wieder am Notebook und schreibe Fragment 2. Mal sehen, wo das hinführt.

Siro Yamagashi eilt den Gang entlang, versucht gleichzeitig aber auch Ruhe und Kontrolle auszustrahlen. Sich zu sehr am Weg zum Konferenzraum zu beeilen und dann schnaufend und nach Atmen ringend die ersten Sätze sprechen – nein, diesen Anfängerfehler begeht er schon lange nicht mehr. Kontrolle hilft immer und Kontrolle über sich selbst ist der Grundstein für alles andere. Der Innenarchitekt hat sich hier ja auch alle Mühe gegeben, Ruhe und Erhabenheit hervor zu streichen. Der Boden ist mit schallabsorbierendem Zeug beschichtet, das sich wie weicher Waldboden anfühlt. Die linke Seite des Korridors besteht aus nahtlos gefügten Displays, die den virtuellen Blick über einen Regenwald ermöglichen. Die Luft fühlt sich kühl und frisch wie an einem Frühsommermorgen in den Bergen an. Realitätsnähe war wohl nicht das Kriterium. Die rechte Wand besteht aus grob gebrochenen roten Granitblöcken. Ein wunderbarer Kontrast zu den grünen, irgendwie weich aussehenden Baumkronen links. Trotzdem kommt die Tür zum großen Konferenzraum schnell auf ihn zu. Laminierter Bambus, gefasst in irgendeinem dunkelgrauen Metall mit blauem Schimmer. Könnte Titan sein. schießt es ihm durch den Kopf. Ein dezenter grüner Leuchtstreifen erscheint auf der Klinke und zeigt an, dass sein Eintreten schon erwartet wird.

“Mr. Yamagashi, wir haben sie schon auf sie gewartet.”
Mit einem deutlichen Kopfnicken, das fast schon wie eine Verbeugung aussieht, begrüßt er die gesamte Runde. Alle Sessel sind besetzt. Was natürlich nicht heißen soll, dass er sich setzen hätte können, wäre einer der Plätze leer gewesen. Im großen Raum gelten andere Regeln.
“Wir haben den Bericht gesehen, möchten aber gerne ihre Einschätzung hören.” Jeremiah Green, der CEO höchst persönlich, führt das Wort.
Das bedeutet, sie sind mit den Schlussfolgerungen nicht zufrieden. Siro Yamagashi geht ohne ein Wort zu sagen zum frei stehenden Datenterminal neben der Präsentationsfläche. Hier redet man nur, wenn man wirklich etwas mitzuteilen hat und dazu braucht er mehr als nur Worte. Er legt beide Hände auf das Terminal. Die von ihm vorbereitete Sammlung von Informationen erscheint dort wo gerade noch eine Fensterfront war. Oder etwas, das ausgesehen hat wie Fenster.
“Verehrter Vorstand, die Situation deutet meines Erachtens auf eine inverse Informationsinfiltration hin.” Versuchen wir die Überraschungstaktik. Er holt eine Weltkarte in den Vordergrund. Im Zentrum das dunkle Blau des Nordatlantiks, umrahmt von Neufundland, Grönland, Island und Irland. An den Küsten gelbe, rosa und grüne Symbole, im Ozean graue Kreise wie Seifenblasen, denen man die Farbe gestohlen hat. Am oberen Rand, zwischen Island und Grönland ein kleiner roter, pulsierender Punkt mitten im Blau. “Das ist die Situation 6 Minuten vor dem Angriff wie wir sie zum damaligen Zeitpunkt uns vorgestellt haben.” Mit einer Geste blendet er den Pfad der Jägerstaffel ein. “Die rekonstruierte Trajektore der drei Flugzeuge scheint aus dem Nichts zu kommen. Mit Mach 1.8 legen sie die 220km bis zum Standort von Projekt Sunflower in knapp 6 Minuten zurück.” Noch eine Geste und breite türkise Bänder legen sich über die Karte. “Auffällig ist, dass die Anflugrichtung genau so liegt, dass sie eine Lücke in unserer Satellitenabdeckung optimal ausnutzt. Wir können nicht sagen, von welcher Basis oder von welchem Träger die Flugzeuge kamen.”
“Warum legen wir ein surface event an eine so schlecht überwachte location?” Gorden McGuffry, einer der Silberrücken, unterstreicht seinen Unmut mit heftigem Händegefuchtel.
Wie auf dem Serviertablett – Glück gehabt. Yamagashi wendet sich der Karte zu wie eine Fernsehsprecher wenn er die Wetterkarte erklärt. “Ja, das scheint eine fragwürdige Wahl der Koordinaten zu sein. Man ist versucht zu behaupten, dass ein erfahrener Planer das nicht so machen würde. Erstaunlicher Weise kam der Vorschlag aber nicht von einem menschlichen Mitarbeiter.” Eine baumartige Struktur ersetzt die Landkarte. “Die Position wurde von der Strategie-KI vorgeschlagen und zwar basierend auf diesen Fakten. Das für mich Erschreckende ist: Es passt alles. Die KI hat perfekt gearbeitet. Die berücksichtigten Daten sind relevant und, soweit wir das beurteilen können, korrekt. Die Schlussfolgerungen passen und dort, wo die KI Heuristiken eingesetzt hat, wurden die Entscheidungen von menschlichen Experten im Blindversuch bestätigt.”
“Im Bericht ist das aber nicht so detailliert beschrieben!” Wieder McGuffry.
“Im Bericht haben wir uns auf die Abweichungen konzentriert, weniger auf das, was eigentlich gut funktioniert hat.”
“Wollen sie sagen, die location war perfect? Kommen sie hinter ihrem Computer hervor und sehen sie die Realität.”
“Die Position war das kleinste Übel unter der Berücksichtigung aller uns vorliegenden Daten.” Einige Blätter und Äste des Baums färben sich rot. “Wir haben versucht heraus zu filtern, welche Daten primär dazu führten, eine derart schlecht überwachte Position vorzuschlagen. Diese Fragestellung ist leider mehrdeutig, hier sehen sie einen vergleichsweise plausibel klingenden Ansatz. Eine Menge von – für sich genommen – eher nebensächlich erscheinenden Dingen. Informationen, die aus verschiedenen Quellen zu uns gelangt sind.”
Green steht auf und schlendert gemächlich dem langen Tisch entlang. Alle Anwesenden warten auf seinen Kommentar. “Sie haben anfangs inverse Infiltration erwähnt. Wollen sie unterstellen, wir sind gezielt mit diesen Daten gefüttert worden?”
“Unterstellungen liegen mir fern. Ich suche nur nach Erklärungsmodellen für die unerfreuliche Entwicklung des Projekts. Sie haben vollkommen recht, dieses Szenario” – Yamagashi deutet auf den Baum mit roten Ästen – “ist statistisch gesehen sehr unwahrscheinlich. Es ist aber das wahrscheinlichste, das wir finden konnten.”
Green ist inzwischen beim Präsentationsbereich angekommen und steht Yamagashi dirket gegenüber. “OK, also entweder sind sie nicht gut beim Finden oder sie sagen, dass es nicht Zufall war.” Green läßt seinen Blick über die Personen am Tisch gleiten. “Was denkt ihr darüber?” Leichte Unrhe flutet durch den Raum, doch keiner sagt etwas.
Olivia Vanderblu bricht die Stille. “Haben wir nur damals angenommen, dass die Daten korrekt sind, oder stimmen sie auch aus heutiger Sicht?”
“Manche Daten sind inzwischen überholt. Wir gehen aber davon aus, dass zum damaligen Zeitpunkt alles nach bestem Wissen und Gewissen korrekt war. Also kein Indiz auf klassische Fehlinformation.”
“Das heißt, es geht um information injection? Wenn etwas dran ist, an dieser Erklärung” hakt Vanderblu nach.
Siro nickt, hält aber mit leicht gesenktem Kopf inne.
McGuffry meldet sich mit polternder Stimme zu Wort. “Und, was lernen wir daraus? Ein Mensch der seinen job ernst nimmt ist mehr wert als all eure Computer.”
Green wendet sich ihm zu. “Grodon, du hast vielleicht mehr recht als du denkst. Es wird Zeit, dass wir etwas weniger berechenbar werden. Und was eignet sich dafür besser als Menschen.”

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