Fragment

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“Lee, Status.”
“72 Meter, steigend mit 1 Komma 2, Luft in 60 Sekunden, Commander.”
“Danke Lee, ich kann selbst dividieren. Karen, Status.”
Heftiges Geklapper auf einer Tastatur tönt von der Steuerbordseite herüber.
“Karen! Twitterst du mir den Status oder was?” Sangev wendet sich genervt von seinem Monitor ab und blickt über die Schulter zu Karens Konsole. Sie nimmt die Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Der verärgerte Blick des Commanders macht ihr klar, dass sie wohl was verpasst hat. Sie schiebt das Headset von einem Ohr. “Sir?”
“Status verdammt noch mal. Und ich bin kein Sir oder hast du mich schon einmal in einem Rolls Royce zu meinem Schloss fahren sehen?”
Karen verschwindet wieder in der wohltuenden Ruhe ihres geräuschabsorbierenden Headsets. Blödmann. Könnte auch das Com verwenden. Lebt in der Steinzeit und grölt herum. „Keine verdächtigen Signaturen in Luft oder Wasser. Eine Reflexion von der Thermokline, die von einer Stoßwelle kommen könnte, ist aber nicht eindeutig.“
„Heißt jetzt was?“ Sangev liegt offenbar mehr an schneller Information als an einer Machtdemonstration, da er sein Com aktiviert hat, das er wie ein archaisches Schmuckstück um seinen Hals trägt.
„In unserer direkten Umgebung ist es ruhig, Commander.“
„Und die Stoßwelle?“
„Kann viel sein. Kleines Erdbeben, Dynamitfischer, irgendeine andere Explosion.“
„Dynamitfischen mitten im Nordatlantik? Professioneller Kommentar. Passt es zu einem Überschallknall?“
„Nicht zu einem. Aber drei überlagerte Signaturen geben 80 Prozent Konfidenz.“
Sangev kaut auf seiner Unterlippe.
Lees angespannte Stimme füllt die Stille: „30 Sekunden bis Luft. Sollen wir abbrechen, Commander?“
Woher sollen sie es wissen. Kann nicht sein. „Nein, wir ziehen es durch. Reduziere auf 5 Knoten. Karen, wir fahren die Antenne schon bei minus 2 Metern aus. Sobald sie durch die Oberfläche ist, startest du die Übertragung. Und keine Experimente.“ Sangev ruckelt nervös auf seinem Sessel herum. „Rich, Yo, seid ihr auf Position?“
Das Rauschen aus dem Com gibt die Antwort noch bevor Yos Stimme zu hören ist. „Direkt an der Luke, Commander. Alle Drohnen auf Bereitschaft. Sobald die Büchse oben ist, legen wir los.“
„Macht schnell. Kein Funktionstest. Werft die Dinger raus und macht sofort wieder dicht.“
„Commander, der Einsatzplan…“
„Fuck, hört ihr nicht zu? Ich will, dass ihr die Spinnen raus werft und sofort, ich wiederhole SOFORT, die Luke wieder dicht macht, verstanden?“
„Verstanden Commander.“ Das Com bleibt aber aktiv und überträgt das Wasserrauschen aus der Finne des Boots in den Kommandoraum.
„Ist noch was, Yo?“
„2 Meter, 5 Sekunden bis Luft.“ Lee klingt wieder präzise wie gewohnt.
Das Rauschen verstummt, offenbar hat Yo ihr Com deaktiviert.
Tastengeräusche aus Karens Ecke signalisieren Aktivität. „Übertragung gestartet – und Link steht. In 27 Sekunden sollte es durch sein.“

„Was hat der Commy plötzlich? Hat sich ja richtig gestresst angehört.“ Yo lässt das Manometer keinen Moment aus den Augen. Noch 2 Meter, noch ist der Interlock gesperrt und der rote Schimmer des Indikators umgibt die Luke.
Rich lehnt an der Metallwand und betrachtet seine Fingernägel. Yo kann diese zur Schau getragene Lässigkeit eigentlich nicht ausstehen. Manchmal beneidet sie Rich um diese Fähigkeit. Sie spürt die Anspannung genau so wie bei der ersten Mission. „Das ist gut Yo, das hält dich am Leben.“ hat Karen mal zu ihr gesagt. In der jetzigen Situation ist ihr aber nicht klar, wie der kalte Schweiß unter ihren Achseln zu ihrem Überleben betragen soll.
„Weiß nicht was er hat. Wenn er sagt raus mit dem Zeug und wieder zu die Luke wird er schon einen Grund dafür haben. Kann uns doch egal sein.“
Yo ist doch nicht in der Stimmung mit Rich über den Commander zu philosophieren. Sie hypnotisiert den Indikator. Das Zeitgefühl verschwimmt wenn man im Wasserrauschen in der Finne steht. Das Geräusch kommt von allen Richtungen und hüllt einen ein. Es scheint ausgeprägter zu sein, wenn das Boot knapp unter der Oberfläche fährt aber man hört es auch bei richtiger Tauchfahrt. Sie hat sich schon mehr als einmal gefragt, ob das nicht auch eine Sonarsignatur sein müsste. Scheint aber niemanden zu interessieren. Manchmal steht sie minutenlang alleine hier und lässt sich das Hirn von diesem Rauschen rein spülen.
Der Indikator wechselt von rot auf gelb. Gleich geht es los. Konzentration. „Bereit, Rich?“
„Allzeit bereit. Du öffnest die Luke, ich werf‘ die Dinger raus und du machst den Nachschub.“
Bevor Yo etwas erwidern kann, umgibt die Luke ein dunkelgrüner Schein. Kurz muss sie an die skurrilen Heiligenbildchen ihrer Mutter denken auf denen Menschen mit goldenen und weißen Ringen um den Kopf abgebildet sind. Sie blinzelt und ist wieder im Jetzt. Das Metall der Entriegelung liegt kalt in ihrer Hand. Einen Moment später schwingt die Luke auf. Ein Schwall salzige Gischt peitscht ihnen ins Gesicht. Rich schnappt sich die ersten beiden Drohnen und drängt sich an Yo vorbei ins Freie. Mit einem Bein hakt er sich in der Luke ein um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Vielleicht hätten wir uns doch an die Leine legen sollen schießt es ihr durch den Kopf. Sie holt die nächsten beiden Drohnen aus dem Transportbehälter und schwingt sie durch die Luke. Für den Nordatlantik mag das ja ein ganz brauchbares Wetter sein. Trotzdem pfeift der Wind um die Finne und dröhnt in den Ohren. Ihr Blick huscht kurz zum Horizont. Eine Handbreit über dem Wasser ist der Himmel etwas heller grau als direkt über ihnen. Sie wuchtet die letzten beiden Spinnen nach draußen.
„Rich, was ist das?“ Sie brüllt gegen den Wind an und deutet mit der Hand auf drei schwarze Punkte im hellgrauen Streifen.
Als sie den Wasserschleier erkennt, den die drei Punkte unter sich herziehen schaltet ihre Wahrnehmung auf Zeitlupe. Sie sieht wie Rich unendlich langsam seinen Kopf wendet und sich seine Augen weiten. Die Punkte sind inzwischen kurze, schwarze Striche im Wolkengrau. In schneller Abfolge blitzt auf jedem Strich ein gleißend heller Lichtpunkt auf. Die Dünung liegt wie eingefroren vor ihr währen die Striche zu kleinen Dreiecken werden, die sich immer schneller nach oben in den Himmel bewegen. Nur die Lichtpunkte scheinen in der Luft zu schweben, wie zarte Funken, die sich fürchten in das kalte Meer zu stürzen. Rich hat sich inzwischen ihr zugewendet und zerrt an der Luke. Seltsam, dass sie sich nur ganz langsam in Bewegung setzt obwohl er sich so Mühe gibt. Sieht ihm gar nicht gleich, dieser Stress. Die Druckwelle der Detonation und der Überschallknall der Jäger erreichen sie praktisch gleichzeitig.

Ein schneidendes Kreischen zerreißt die Luft in der Kommandozentrale.
„Fuck, was verdammt noch mal…“ Sangev presst die Hände auf seine Ohren.
„Drei BHN!“ Karen versucht den Lärm zu übertönen, ihr Stimme überschlägt sich.
„Schadensbericht, Lee!“ Sangev starrt auf auf sein Display das sich mit bunten Meldungen überzieht.
„Die Luke scheint zu zu sein. Von der Druckwelle vielleicht. Aber die Zelle ist leckt. Sonst – sind wir dicht.“
„Tauchen! Profil 3!“
„Commander, die Antenne…“ Noch während sie spricht, wird Karen klar, wie sinnlos die Anmerkung sein würde.
„Ist jetzt Metallstaub im Meer. Weg von der Oberfläche!“
Sangev hechtet zur Leiter, die nach oben führt. „Karen, komm mit. Lee, wie viel Wasser ziehen wir in der Finne?“
„In 20 Sekunden muss ich die Zelle abriegeln, sonst saufen wir ab.“
Sangev ist bereits verschwunden und auch Karen springt mehr nach oben als sie die Leiter hinauf klettert. Beim Öffnen der Luke zur Finne kommt ihnen ein Schwall Wasser und verqualmte Luft entgegen. Ein metallischer Geruch macht das Atmen schwierig. „Da, hilf mir!“ Flach an die Wand geschmiegt steht Yo bewegungslos und mit aufgerissene Augen. Als Karen sie am Arm berühren, löst sich die Spannung in ihr und sie sackt in sich zusammen. Die beiden fangen sie auf bevor sie hart am Boden aufschlägt.
„Durch die Schleuse, lass sie einfach nach unten rutschen.“ keucht Sangev.
„Wo ist Rich?“ Karen schaut sich in dem winzigen Raum um.
Ihr Blicke treffen sich auf einem Fetzen Stoff, der gegenüber von der Luke an der Wand klebt. Erst jetzt erkennen sie das Muster, das dieses Stück mit anderen Stoffteilen bildet. Karen greift nach einem handtellergroßen, glänzenden Gegenstand der an der Wand auf einer E-Box zu lehnen scheint. Das Ziffernblatt einer Uhr zusammen mit den Metallgliedern des Armbands sind deutlich zu erkennen, nur flachgedrückt wie aus einer Schrottpresse.
„Bewegt euch, raus!“ Lees Stimme aus dem Com reißt sie aus der Starre. Erst jetzt nehmen sie die Wasserstrahlen wahr, die aus einem Riss in der Wand der Finne hervor schießen und den Raum mit fein zerstäubter Gischt füllen. Sie springen durch die Luke nach unten während der Notverschluss sich bereits aktiviert und das Schott zu bewegen beginnt.
Karen hockt neben Yo im Durchgang. Sie liegt am Rücken und atmet in kurzen Stößen, die Augen immer noch in eine Ferne gerichtet, die es nicht mehr gibt. Die Finger von Karen halten verkrampft die Reste von Richs Armbanduhr fest. “Sorry Rich, ich hätte die BHMs früher sehen können. Ich war zu langsam mit dem EMP.” Sie spürt den Druck von Sangevs Hand auf ihrer Schulter. “Du – du warst nicht zu langsam. Du hast uns allen das Leben gerettet.”
“Nicht allen, Commander. Nein.”

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