Alte Schriften

Alte Schriften

Kürzlich hat mir meine Tochter einige leicht zerdrückte Zettel in die Hand gedrückt mit dem Kommentar “Das war auf meinem Stapel. Es sieht aber aus, als gehört es dir.” Womit sie vollkommen Recht hat. Etwas skurril wird die Situation dadurch, dass die Zettel rund 20 Jahre älter als meine Tochter sind. Diese Blätter haben zumindest fünf Übersiedlungen mitgemacht und es dann irgendwie auf ihren Hausübungsstapel geschafft. Wäre es nur eine alte Zeitung aus den End-Achzigern des letzten Jahrtausends – ja, auch ganz lustig. Es ist aber etwas deutlich Persönlicheres, es sind meine ersten Gehversuche als Autor. Auch damals hatte ich schon Ideen für Geschichten. Nur ganz wenige wurden jedoch aufgeschrieben.

Sehen wir mal genauer hin. Die Seite beginnt mit \section*{Prolog}. Kommt bekannt vor? Auch mal mit LaTeX zu tun gehabt? Und dann die Schachbrett-Zeichen. So sah das damals aus, wenn man auf einem VMS System ä, ö, ü oder ß tippte und dann das Zeug auf MS-DOS weiterverarbeite – oder anders herum. (Unicode gab es damals noch nicht mal am Papier.) Der geübte LaTeX-Schreiber verwendete daher immer die Ersatzzeichen "a statt ä usw. In einem anderen Kontext würde man an dieser Stelle vielleicht seufzen und sagen “Die gute, alte Zeit!”. In Sachen Zeichensätze und Textverarbeitung war die Zeit aber alles andere als gut. Dass wir heutzutage über die reichlich sinnentleerte Graphem- und Emoji-Flut in Unicode schimpfen, ja, das ist “Aufregen auf hohem Niveau”. Lasst euch versichern, EBCDIC, 8-Bit ASCII und Microsoft Codepages waren schlimmer. Viel schlimmer.

Aber bleiben wir nicht an der Form kleben – worum geht es im Text? Lasst uns reinlesen:

Man möchte gar nicht glauben, wie viele zugestopfte Dachböden es gibt. Aber sie haben auch etwas Gutes: Man kann Geld verdienen, indem man das Gerümpel von einer Seite auf die andere schlichtet und ein paar Sachen in die Mülltonne stopft – und das Ganze “Dachbodenentrümpelung” nennt. Und heute wollte ich genau auf diese Art und Weise wieder einmal das karge Brot eines Studenten aufbessern.

Das Haus sah von außen auch genau danach aus: Bröckelige Fassade, Fenster, die müde in den Angeln hingen. Drinnen dann ein düsteres Treppenhaus. Die Stufen waren von tausenden Füßen in der Mitte schon tief ausgetreten. Und das rostige Eisengeländer mit Holzgriff fehlte natürlich auch nicht. Ich sah schon fast die Spinnweben vor mir hängen. Da – ein vergilbtes Stück Papier als Namensschild, darunter war mit Volksschülerschrift Hauswart hin gekritzelt. Na dann, an die Arbeit dachte ich mir. Mein Auftrag kann in wenigen Worten wiedergegeben werden: “Raus mit dem Grempl!” Voller Arbeitsgeist erklimme ich Treppe für Treppe, schließe die Tür zum Dachboden mit dem soeben erhaltenen Schlüssel auf. Geister kommen nicht nur überraschend, sie verschwinden auch mindestens so schnell. Genauso erging es mir mit meinem Arbeitsgeist. Was ich da vor mir sah, wäre vielleicht in den Augen eines Künstlers einen Idylle gewesen. Doch mich, wo ich doch nur hier aufräumen sollte, packte das nackte Grauen. Morsche Kisten, Stöße von alten Zeitungen, staubige Kästen, alte Matratzen. Die Sonne, die durch ein milchiges Dachfenster herein blinzelte, tauchte die ganze Szene in ein warmes, gelbes Licht. Aber ich wollte ja etwas verdienen – deswegen stürzte ich mich todesmutig in den Staubdschungel.

Ich hab mir erlaubt die G"ansef"u"schen und Schachbretter durch äöüß zu ersetzen. Und Rechtschreibfehler, die ich konsequent seit meinen Volksschultagen mache, huldvoll durch den Spellchecker ersetzen zu lassen. (Tschungel statt Dschungel und Matraze statt Matratze. Mit Schaudern erinnere ich mich an Deutschschularbeiten und Diktate, die aber offenbar nichts ausgerichtet haben.) Was denke ich jetzt über den Text? Nutzlose Füllwärter (schon, auch, genau, Satzanfangs-und) und stellenweise holprige Satzstellung ließen mich beim Lesen hin und wieder stocken. Oder der Holzgriff des Treppengeländers – sollte das nicht ein Handlauf sein, oder wäre das zu technisch? Dem Text fehlt der Feinschliff, würde ich mit heutiger Perspektive behaupten. In den Szenenbeschreibungen erkenne ich mich aber ganz deutlich wieder, mein grundlegender Stil hat sich nicht verändert. Achja, mein Verhältnis zu Künstlern war damals scheinbar angespannt, wenn ich dieser Gruppe unterstelle, einen staubigen Dachboden als idyllisch zu empfinden. Keine Ahnung mehr, warum.

Der ausformulierte Teil der Geschichte ist ca. 8 Seiten lang. Es gibt Skizzen für weitere Abschnitte und sogar eine kurze Beschreibung des zugrundeliegenden Universums. Auch hier bin ich mir treu geblieben, damals wie heute faszinieren mich Sujets, die knapp neben der Realität liegen. Ein klein wenig SciFi oder a bisserl Fantasy. Je besser man sich mit der Geschichte identifizieren kann, desto immersiver und mitreißender. Gerade bei SciFi führt das regelmäßig zum Konflikt, alle extraterrestrischen Kulturen mehr oder weniger wie Menschen aussehen zu lassen (Wundern sich Star Wars Fans hin und wieder darüber, dass selbst Ewoks und Wookies – abgesehen vom Pelz – ziemlich humanoid sind? Sogar die digital erschaffenen Gungans haben einen fast menschlichen Körper – OK, mit einem Frosch-Pferdekopf oben drauf. Phantasievollere Kreationen wie Jabba the Hutt tauchen meist nur als Einzelgänger in der mainstream Handlung auf.) oder es echt schwierig wird, emotionale Bande zu den Fremdlingen herzustellen. Mein absoluter Favorit in dieser Kategorie: Der Alien in Dark Star

Schade, dass ich damals nicht dran geblieben bin. Die ca. 30 Jahre reichen aus, dass ich den Text jetzt (fast) wie von einem anderen Autor lesen kann. Zeitreise auf andere Art. Inzwischen schreibe ich ja wieder. Diesmal mit mehr Duchhaltevermögen, zumindest wenn man die getippten Zeichen als Maßstab anlegt. Da fällt mir auf, der Text bietet sich an, in eine literarische Matrioschka verwandelt zu werden. Im alten Text spielt ein Tagebuch eine zentrale Rolle. Der Ich-Erzähler wird durch das Lesen und Verstehen des Tagebuchs erst in die “richtige” Handlung verstrickt. Aber genau diesen Erzähler könnte ich jetzt – zusammen mit dem Tagebuch – in meinen Roman einbauen. Das ergäbe mal 3 Ebenen. Leider fehlt mir noch die Idee, welche Funktion dieser alten Geschichte im derzeit entstehenden Roman zufallen soll. Es einfach nur einbauen um des Einbauens willen ist an den Haaren herbeigezogen. Die Matrioschkierung müsste schon irgendwie sinnstiftend sein. Ich bin neugierig, ob mein wirrer Geist sich dazu etwas ausdenken kann.

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